Geliebtes Gift


Botox ist der schillerndste Stoff der Wissenschaft, der ein bewegtes Doppelleben führt: als Modespielzeug, das ewige Schönheit verspricht, und als tödlichste Waffe der Natur. Ein Steckbrief.

SZ Wissen, S. 36, 3/2008

Der Kosmetiker

SZW160208 - Der Stoff ist der Star. Er prägt das Gesicht der Celebrity-Szene, ob in Hollywood, Paris oder Berlin: roter Teppich, Blitzlichter - Botox macht das makellose Lächeln der Prominenz. Aber auch auf der Seite der Fans werden die Gesichter immer glatter. 3,2 Millionen kosmetische Eingriffe mit Botox pro Jahr verzeichnet die amerikanische Society for Aesthetic Plastic Surgery (ASAPS) mittlerweile, auf etwa 50 000 bringen es die Deutschen, schätzt der Mediziner Boris Sommer von der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Botulinumtoxin-Therapie (DGBT). Das Einspritzen in faltenreiche Gesichtspartien ist, nachdem es sich unter Stars und in Klatschgeschichten verbreitet hat, heute der häufigste Schönheitseingriff weltweit. Dabei wird eine winzige Dosis des gentechnisch hergestellten Eiweißkomplexes Botulinumtoxin, das natürlicherweise in Bakterien vorkommt, unter die Haut gespritzt. Botox reduziert die Muskelaktivität, die zu Falten führt, und das Gewebe entspannt sich. Falten verschwinden nach einer Injektion für drei bis acht Monate, dann wird der Eingriff wiederholt.

Der Killer


Der Stoff ist mörderisch. Botulinumtoxin, von Bakterien produziert, gilt als das gefährlichste natürliche Gift der Welt. Es wirkt an der Übergangsstelle zwischen Nerven- und Muskelzellen: in den Synapsen, die Reize übertragen. Das Toxin wandert in die Synapsen und verhindert dort, dass sich ihre Membranen mit jenen Transportbläschen verbinden, die den Botenstoff Acetylcholin freisetzen. Der Botenstoff wird nicht weitergegeben, der Reiz nicht übertragen, der Muskel kontrahiert nicht mehr. Bei einer Vergiftung wirkt Botulinumtoxin zunächst an Muskeln im Kopfbereich. Man fühlt sich schwach, Mund- und Rachenraum werden trocken. Man sieht doppelt, weil das Gift die Augenmuskeln angreift. Es kommt zu Schluck- und Sprachstörungen, dann zu Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen, bis schließlich die Atmung aussetzt. Die Angaben zur Giftigkeit für den Menschen sind hochgerechnete Werte aus Tierversuchen mit Schimpansen. Pro Kilogramm Gewicht gelten demnach anderthalb Nanogramm des Gifts im Blut als tödlich, also 105 Nanogramm für eine 70 Kilogramm schwere Person. Damit ist es etwa 400-mal so giftig wie Sarin, etwa eine Million Mal giftiger als Arsen und nahezu zwei Millionen Mal so gefährlich wie Strychnin.

Der Geschäftemacher

Botox ist der Handelsname eines Präparats, der sich selbstständig gemacht hat und mittlerweile im Sprachgebrauch allgemein für Botulinumgift und -produkte steht, die es enthalten (so wie zum Beispiel der ursprüngliche IBM-Markenname PC heute für fast sämtliche Rechner steht). Darüber hinaus hat Botox eine neue Bedeutung erlangt: Es wird vornehmlich mit kosmetischen Eingriffen assoziiert, obwohl das 1989 von der amerikanischen Pharmafirma Allergan als Therapeutikum gegen muskelstörungsbedingtes Schielen (Strabismus) auf den Markt gebrachte Mittel für Kosmetiker noch bis Ende der Neunzigerjahre ein echter Geheimtipp war - mit einem für US-Verhältnisse überschaubaren Kundenkreis: Nur 65 000-mal kam die Substanz in den USA im Jahr 1997 zum Anti-Falten-Einsatz, stellte die ASAPS fest, als sie erstmals die Nutzungsdaten ermittelte.

Die kosmetische Zulassung bekam Botox in den USA zwar erst 2002, doch verhinderte die vordem fehlende behördliche Erlaubnis weder diesseits noch jenseits des Atlantiks einen schnell wachsenden Absatz bei kosmetischen Nutzern. Der jährliche Anti-Falten-Gesamtumsatz beträgt heute in den USA 1,3 Milliarden Dollar. Das Verfahren macht mittlerweile 28 Prozent aller kosmetischen Eingriffe aus - auch in Deutschland, wo für diesen Gebrauch erst seit 2006 zwei der mittlerweile fünf existierenden Präparate zugelassen sind. Neben Botox gibt es heute Vistabel (ebenfalls von Allergan), Dysport (von Ipsen in Großbritannien), Neurobloc oder auch Myobloc (von Elan beziehungsweise Solstice Neurosciences in den USA) und Xeomin (von Merz in Deutschland). Marktmotor ist nach Angaben der Firma Allergan die - verglichen mit der therapeutischen - doppelt so starke kosmetische Nachfrage.

Das bekräftigte jüngst ein Ärzteteam der University of California in San Francisco, das in zwölf US-Städten die Wartezeit von Patienten auf einen Hautarzttermin erhob: Auf eine kosmetische Botoxbehandlung warteten sie durchschnittlich acht Tage, auf eine Muttermaluntersuchung zur Krebsvorsorge 26 Tage. Der Grund: Eine Botoxbehandlung bezahlt der Patient sofort. Sie kostet in den USA etwa 400 Dollar, in Deutschland bis zu 500 Euro. Für eine Muttermaluntersuchung zahlt die Versicherung dem US-Arzt nur knapp 75 Dollar. In Deutschland wird Botox bereits in der Hälfte aller Fälle kosmetisch genutzt, schätzt Boris Sommer von der DGBT. Es gibt "Botox to go" an der Einkaufsmeile und ambulante Spritzen auf Botoxpartys. Die Kundschaft besteht, ähnlich wie bei Tupperpartys, zu 90 Prozent aus Frauen im Alter zwischen 35 und 50 Jahren.

Der Verdacht

Ein Grund für den weitgehend sorgenfreien Umgang mit Botulinumtoxin-haltigen Präparaten ist die extrem niedrige Dosierung. Nur bis zu fünf Nanogramm des Eiweißkomplexes sind in der Ampulle eines gängigen therapeutischen Präparats enthalten. Dem Stoff ist darin ein stabilisierendes Protein beigefügt, damit er nicht zerfällt. Das eigentlich toxische Protein macht daher nur einen Bruchteil jener fünf Nanogramm aus. Und diese wiederum stellen weniger als fünf Prozent einer Dosis dar, die - intramuskulär verabreicht - nach Hochrechnungen aus Tierversuchen für einen 70 Kilogramm schweren Menschen tödlich sein könnte. Dennoch mehren sich Anzeichen, dass Botulinumtoxin nicht ganz so sicher ist, wie die meisten Nutzer vermuten.

Der amerikanische Augenarzt Alan Scott, der Anfang der Siebzigerjahre als Erster die therapeutische Wirkung an Affen erforscht hat, versucht noch heute, die Nebenwirkungen der Behandlung von Augenfehlstellungen oder Lidkrämpfen in den Griff zu bekommen. Bei bis zu 25 Prozent der Behandelten komme es zu hängenden Lidern oder Doppeltsehen, sagt er. Aus ähnlichen Gründen verschickten im Sommer 2007 die Pharmafirmen in Deutschland in Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden erstmals eine Warnung an Ärzte in Form eines "Rote-Hand-Briefs": ein Eingeständnis, dass das Gift zu sorglos eingesetzt wird, weil es sich nach einer Injektion an Stellen ausbreiten kann, an die es nicht gehört. Die Folge: sehr seltene, aber schwere Fälle von Muskelschwäche und Schluckstörungen. Auch kann der Schutzreflex behindert werden, der Fremdkörper von der Lunge fernhält.

Während Behörden lediglich zur Vorsicht mahnen, geht das unabhängige Berliner arznei-telegramm weiter. Die kritischen Mediziner schildern den Fall eines 51-jährigen Mannes, der Botox gegen Spannungskopfschmerzen in die Nacken- und Rückenmuskulatur gespritzt bekam - eine Behandlung, für die das Mittel nicht zugelassen war. Der Mann litt anschließend wochenlang an schweren Schluckstörungen. Angesichts von weltweit 600 Berichten über schwere Störwirkungen nach medizinischer und kosmetischer Botox-anwendung und sogar 28 Todesfällen im medizinischen Einsatz sollte, so das arznei-telegramm, die "Indikation für kosmetische Zwecke aufgegeben und der Off-Label-Gebrauch drastisch eingeschränkt werden".

Die Biografie

1817 wurde erstmals die Giftwirkung (Botulismus von lat. botulus = Wurst, eine Form der Fleischvergiftung) beschrieben. Der schwäbische Arzt Justinus Kerner erkannte ein "Fettgift" aus verdorbener Räucherwurst als Ursache und erforschte sie an Katzen, Kaninchen, Vögeln, Fröschen - und an sich selbst: mit einer wässrigen Lösung des Gifts, das er aus verdorbener Wurst extrahiert hatte. Er beschrieb ein "Mattwerden und Spannen in den Augenlidern" sowie "große Tro-ckenheit am Gaumen und Rachen".

1895 entdeckte der Mikrobiologe Emile Pierre van Ermengem das heute als Clostridium botulinum bekannte Bakterium. Den Botulismus-Ausbruch nach einem Leichenschmaus im belgischen Ellezelle konnte er auf das giftige Bakterium zurückführen. 1897 bis 1970 wurden sieben verschiedene Typen des Botulinumgifts beschrieben und mit den Buchstaben A bis G entsprechend der Reihenfolge ihrer Entdeckung bezeichnet. Sie unterscheiden sich im Aufbau und in der Art, die Nervenzelle zu stören. Botulinumtoxin A wirkt mit bis zu fünf Monaten am längsten, spielt die größte Rolle bei Vergiftungen und wird heute in vier Präparaten eingesetzt. Nur Neurobloc enthält Botulinumtoxin B. Dieses wirkt bis zu drei Monate lang, F zwei Monate und E nur einen Monat. Die Typen C, D und G sind für Menschen ungefährlich. In den Neunzigerjahren wurden entsprechend unterschiedliche Gruppen des Bakteriums ausgemacht, vier an der Zahl: Gruppe eins produziert eines, manchmal zwei der Gifte A, B oder F. Gruppe zwei produziert B, E oder F. Gruppe drei C oder D und Gruppe vier G. 2007 wurde das Genom der Clostridium-botulinum-Gruppen am britischen Sanger Institute bei Cambridge sequenziert.

"Ursprünglich dachten Mikrobiologen, es handele sich um ein und dasselbe Bakterium", sagt der beteiligte Forscher Mike Peck, "heute wissen wir, dass ihre einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie das Gift produzieren" - und auf ähnliche Weise überleben: Die Bakterien kommen vor allem im Boden vor, unter sauerstoffarmen Bedingungen, und können durch Verunreinigung in haltbar gemachte Lebensmittel gelangen, in denen sie sich bei Luftabschluss gut vermehren. Härtezeiten überstehen sie, indem sie sich einkapseln, als Sporen. Gelangen Sporen oder Bakterien in den Körper - durch die Nahrung, durch Wunden, theoretisch auch einmal durch die Luft - legen sie los: "Während sich viele Bakterien durch fein abgestimmte Strategien an die Abwehr des Wirts angepasst haben und lang im Körper bleiben, arbeitet C. botulinum nach der Vorschlaghammermethode", sagt Julian Parkhill vom Sanger Institute. Im Körper produzieren sie Gift, töten den Wirt, zersetzen ihn und warten auf den nächsten.

Militärische Laufbahn

Die erste Möglichkeit, Botulinumtoxin zu nutzen, die Wissenschaftler in die Tat umsetzten, war die Entwicklung eines Kampfstoffs im amerikanischen Biowaffenprogramm während des Zweiten Weltkriegs. Auch in anderen Ländern, wo Forscher die Entwicklung eines Impfstoffs vorantrieben, wurde Botulinumtoxin damals in größeren Mengen hergestellt. Heute zählt es zum "dreckigen Dutzend" der Biokampfstoffe. Nach Angaben der amerikanischen "Working Group on Civilian Biodefense" produzierte der Irak im Golfkrieg von 1991 an die 19 000 Liter Botulinumtoxin.

Während des Kalten Kriegs hatte die Sowjetunion mit dem Gift experimentiert und erfolglos versucht, das Botox-Gen von C. botulinum in andere Bakterien einzuschleusen. Die Produktion des Gifts ist so aufwendig, dass es nach Angaben der "Working Group" für Terrorgruppen sehr schwierig wäre, ausreichende Mengen zu produzieren. Auch dass der Stoff an der Luft schnell zerfällt, macht ihn ungeeignet für einen Anschlag, sagen die Experten: "Die Verbreitung wäre technisch schwierig." Gezeigt hat das ein folgenloser Anschlag der Aum-Sekte, die 1990 Botulinumtoxin mit Sprühfahrzeugen in Tokio verteilte. Die Präparatehersteller blocken Anfragen nach Produktionsweisen entsprechend strikt ab: "aus sicherheits- und wettbewerbstechnischen Gründen".

Medizinische Karriere

1973 beschrieb erstmals der Augenarzt Alan Scott von der Smith-Kettlewell Eye Research Foundation in San Francisco, wie er mit Botulinumtoxin das Schielen bei Affen behandelte, das auf einer Verkrampfung der Augenmuskeln beruhte. Es war der Anfang des therapeutischen Einsatzes. Kindern mit spastischen Bewegungsstörungen wird Botox inzwischen häufig gespritzt. Ihre Krämpfe lösen sich für ein paar Monate und sie können besser Bewegungen lernen. Auch bei anderen Erkrankungen wie etwa Schiefhals, spastische Hand oder Lidkrampf wirkt das verdünnte Gift. Weil auch Drüsen muskel-gesteuert sind, lindert Botulinumtoxin zudem krankhaftes Schwitzen. Heute ist das Mittel in mehr als 70 Ländern für mehr als 20 verschiedene Indikationen zugelassen.

Die muskelentspannende Wirkung des Gifts hatte bereits eine Mitarbeiterin von Alan Scott darauf gebracht, einen nebenbei erzielten Effekt genauer zu untersuchen: die Glättung von Hautpartien, die durch ständige Muskelaktivität faltig geworden waren. 1982 veröffentlichte Jean Carruthers, Augenheilkundlerin an der University of British Columbia in Vancouver, erste Ergebnisse zur Faltenminderung durch Botulinumtoxin. Ihr Mann, der Dermatologe Alastair Carruthers, erforschte daraufhin die Wirkung des Gifts gezielt bei mimischen Falten. Ergebnis: Wenn es hoch verdünnt und gezielt gespritzt wurde, verschwanden die Falten für einige Zeit. Als das Präparat Botox für den therapeutischen Einsatz gegen Strabismus 1989 die Marktzulassung erhielt, war bereits ein kleiner Kreis über die kosmetischen Möglichkeiten eingeweiht.

SZ Wissen, S. 36 - 39, 3/2008

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